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DIE REGION UNTER STROM

Magazin „nah dran“

Alle reden über E-Mobilität. Doch wo werden diese Innovationen entwickelt?


Alle reden über E-Mobilität. Auch auf der Straße wird man immer öfter von den kleinen Stromflitzern abgehängt. Doch wo werden diese Innovationen entwickelt? Wer hat den Mut, neue Visionen umzusetzen? Auf einer elektrisierenden Fahrt durch die Region finden sich alteingesessene Unternehmer, Visionäre und vielversprechende Start-ups, die Zukunft gestalten. Und dank ihrer steht die Region unter Strom.

Treffpunkt Autohaus Entenmann in Esslingen. Hier herrscht schon um 9 Uhr morgens geschäftiges Treiben. Die ersten Kunden bringen ihre Fahrzeuge zur Wartung. In den meisten Fällen haben diese noch Benzin- oder Dieselmotoren. Aber auch die ersten E-Fahrzeuge hängen an den Ladestationen. Das Autohaus Entenmann hat sich in den letzten Jahren zu einem wahren Kompetenzcenterin Sachen E-Mobilitätentwickelt. Verantwortlich dafür ist Werner Entenmann, der früh sein Angebot erweitert und dafür in perfekt ausgebildetes Personalinvestiert hat. „Für Autohäuser ist dies eines der größten Probleme“, erzählt er. Für die Wartung von E-Fahrzeugen sind Hochvoltmechatroniker notwendig, deren Ausbildung kostet 21.000 Euro, und die Gefahr des Abwerbens durch die Konkurrenz ist groß. Denn das Angebot an Fachkräften deckt noch längst nicht die Nachfrage. Eine Herausforderung für den alten Hasen im Automobilgeschäft. Aber eine, und das spürt man, die er gerne annimmt.

Wenn er mit Erhard Rühle, dem Leiter der Abtei- lung Firmenkunden Esslingen, sonst über Zahlen, Finanzen und Investitionen spricht, so begeistert Werner Entenmann ihn heute für seine E-Fahr- zeuge. In der Hybridvariante gibt es zum Beispiel den schnittigen Sportwagen BMW i8. Er fährt innerstädtisch elektrisch und wechselt bei höheren Geschwindigkeiten oder leerem Akku auf den Benzinmotor. Klar, dass die beiden Herren erst einmal in diesem Fahrzeug Platz nehmen.

» Wer einmal im BMW i3 sitzt und das Fahrgefühl spürt, der vermisst kein Motoren- geräusch. «

In der Zwischenzeit nimmt sich der Chefverkäu- fer für Elektrofahrzeuge, Sven Muth, die Zeit, den meistverkauften Stromflitzer von BMW zu präsentieren: den i3. „Wer einmal im BMW i3 sitzt und das Fahrgefühl spürt, der vermisst kein Motorengeräusch.“ Denn das, sagt Muth, sei immer noch einer der größten Vorbehalte, wenn es um den Kauf eines E-Fahrzeugs geht. Und natürlich die Reichweite: Mitdemi3 kommt man bis zu 290 Kilometer weit (nach NEFZ). Das stetig wachsende Netz an Ladestationen macht aber auch längere Fahrten problemlos möglich.

Mittlerweile haben sich die Herren Entenmann und Rühle dazugesellt. Werner Entenmann schwärmt vom Fahrerlebnis mit dem i3. Eine unglaubliche Beschleunigung, absolut ruckelfrei. Und wenn man den Fuß vom Gas nimmt, bremst das Fahrzeug sofort ab und lädt gleich- zeitig den Akku durch die freigesetzte Energie wieder auf. Werner Entenmann sagt, dass die Stille beim Fahren ein Genuss sei. Man verschmelze mit der Natur. Auch, weil der i3 zu 95 Prozent aus recycelbarem Material hergestellt wird. „In den Sitzbezügen sind PET-Flaschen verarbeitet“, erzählt Entenmann stolz.

Es ist unübersehbar, dass im Autohaus Entenmann die neuen Antriebe angekommen sind. Werner Entenmann ist ein Macher und Gestalter. Er will in Sachen Mobilität immer vorne wegfahren. Egal ob mit Strom, synthetischem Benzin oder was die Zukunft sonst noch bringen wird.

Aber macht elektrisch fahren wirklich so viel Spaß? Zur nächsten Station der Tour geht es auf jeden Fall mit einem BMW i3 aus dem Autohaus Entenmann. Mal sehen, wer auf dieser Etappe alles abgehängt wird.


» Was wäre die Menschheit ohne Pioniere? «

Kurz vor Mittag ist es Zeit, den Akku aufzuladen. Beim Systemhaus HUMMEL in Frickenhausen finden sich die momentan wohl „intelligentesten“ Ladestationen. Hier auf dem Land, irgendwo im Nirgendwo, am Fuß des Hohenneuffens hat Frank Hummel seit 1993 genau die richtige Umgebung für solche Ideen und Visionen. „Was wäre die Menschheit ohne Pioniere?“, fragt er zur Begrüßung und erklärt gleich die  Idee  hinter der neuen Ladestation.

„Wir machen Konzepte für smartes Wohnen und Arbeiten, aber es gab keine Ladestation, die die selbst erzeugte Energie nutzt“. Also hat Hummel sie erfunden und entwickelt. Seit Anfang des Jahres ist RevolutionE auf dem Markt und besticht durch ihr schlichtes, puristisches Design.

» Der Erste zu sein, ist toll. «

Auch den Innovationspreis-IT hat die Ladestation schon gewonnen. Ein Preis für eine Idee, die ihren Ursprung in den 1980er-Jahren hat. Denn damals war Frank Hummel völlig fasziniert vom Ölbaron J.R. Ewing aus der Fernsehserie Dallas, der seine eigene Tankstelle am Haus hatte, gespeist mit seinem eigenen Öl. Hummels Ladestation RevolutionE ist das Pendant – eine eigene Tankstelle, gespeist durch selbsterzeugten Strom. Den Stolz auf sein neuestes Baby spürt man in jeder Sekunde. So leidenschaftlich zeigt er dem Firmenkundenberater der Kreissparkasse Nor- man Hofer, wie RevolutionE funktioniert. Er ist sich sicher, dass diese Entwicklung noch viel weiter geht: „Irgendwann er- kennen uns Fahrzeug, Ladestation und Haus allein am Smartphone. Es braucht keine Karte, keinen Schlüssel mehr, wir selbst sind der Schlüssel“, sagt er. Das hört sich ziemlich verrückt an, aber wer hätte vor zwanzig Jahren gedacht, dass es bald kaum mehr Röhrenfernseher geben würde?

Ja, es stimmt, was wäre die Menschheit ohne Pioniere. Frank Hummel wünscht sich mehr davon. Mehr Mut, die Komfortzone zu verlassen und Neues aus- zu probieren. Die Region soll wieder Vorreiter in Sachen Technik werden, Visionen wahr werden lassen. Er weiß, dazu gehören Investitionen. Er kennt das selber: Neuentwicklungen wirken sich immer erst einmal negativ auf die Rendite aus. Er weiß aber auch, dass sich das mittel- und vor allem lang- fristig in den meisten Fällen auszahlt durch eine höhere Rendite. Aber auch durch zufriedene Mitarbeiter, denn auch die finden: „Der Erste zu sein, ist toll.“ Neues zu schaffen motiviert und bindet ans Unternehmen. In Zeiten des Fachkräftemangels für Frank Hummel ein ganz wichtiges Argument.

Kurz bevor der BMW i3 von der Ladestation genommen wird, gibt Frank Hummel Norman Hofer noch eine Anregung mit auf den Weg. Für die neue Hauptstelle der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen hat Hummel Systemhaus die gesamte Elektrotechnik, Gebäudeautomation und Beleuchtung geplant und installiert. Vielleicht wäre ja noch Platz für ein paar innovative Ladestationen für Kunden und Mitarbeiter, die schon mit Strom unterwegs sind?

Aufgeladen von diesem inspirierenden Treffen mit einem Pionier aus der Region geht es weiter. Völlig geräuschlos rollt der BMW i3 über Landstraße und Autobahn nach Ostfildern.

Nachmittags in Ostfildern. Ganz versteckt im Industriegebiet, in einem unscheinbaren Gebäude sitzt ein Weltmarktführer für Zellsimulation und Ladesystemanalysen. Eigentlich kann man die comemso GmbH mit ihren acht Jahren durchaus noch als Jungunternehmen bezeichnen, das mit seinen 60 Mitarbeitern ein beachtliches Wachstum hingelegt hat. Und die ein oder andere Übergangslösung in den Räumlichkeiten stützt diesen Eindruck. Doch der verfliegt ganz schnell, wenn man die Gründer, das Ehepaar Athanasas, kennenlernt. Bodenständig schwäbisch mit griechischen Wurzeln, die wahr- scheinlich die nötige Prise Temperament in die Mischung bringen, haben sie sich mit Haut und Haaren ihrer Firma verschrieben.

» Ich wünsche mir mehr Leidenschaft und Mut! «

Sie erklären Technik so spannend, dass man gleich mittendrin ist in den Zellsimulatoren und Ladesystemanalysen. Bei comemso in Ostfildern werden Akkus und Batterien auf Leistung und Qualität geprüft, hier werden Elektrofahrzeuge mit High-Power-Charging in wenigen Minuten aufgeladen. Hier kommt die Welt zusammen, denn hier sitzt das einzige Unternehmen, das in seinen Test-, Analyse-und Simulationsprozessen alle weltweit gültigen Ladestandards unterstützt. Dem Ehepaar Athanasas ist es ein Anliegen, sein Know-how einzusetzen. Über 80 % der Systeme werden weltweit exportiert. Darunter Japan und China, Europa und die USA, aber auch Russland, Indien, Israel, die Türkei und sogar Thailand. „Die Welt verändert sich und das Thema Elektromobilität gewinnt sehr stark an Bedeutung. Diese Entwicklung sollte in Deutschland nicht unterschätzt werden, sonst verlieren wir den Anschluss“, so Anita Athanasas.

Während Anita Athanasas ihrem langjährigen Berater der Kreissparkasse, Rainer Fischle, die neueste Innovation von comemso erklärt, erzählt Kiriakos Athanasas von den Herausforderungen der Zeit. So ist die Kabelindustrie auf die wachsende Nachfrage nicht vorbereitet. Lieferzeiten von bis zu sechs Wochen sind keine Seltenheit. Manche Teile gibt es gar nur in China, weil in Deutschland die Veränderung durch die E-Mobilität bei den Zulieferern noch gar nicht richtig angekommen ist.

Genau wie Frank Hummel wünscht sich Kiriakos Athanasas mehr Leidenschaft und Einsatz bei der Entwicklung neuer Technologien und der Etablierung der E-Mobilität. Denn es lohnt sich: Seine Firma ist seit der Gründung so rasant gewachsen, dass er mittlerweile einen Erweiterungsbau plant. Das ist immer wieder Gesprächsthema zwischen ihm und seinem Berater von der Kreissparkasse, weil Kiriakos Athanasas ungeduldig ist: Es soll losgehen! Seine Entwickler sollen endlich die Testfahrzeuge neben dem Schreibtisch haben. Denn dann funktioniert das, was er „man in the middle“ nennt, noch besser. Was das heißt, zeigt Anita Athanasas. Die Ladesystemanalyse wird zwischen Ladestation und Fahrzeug geschlossen und analysiert den Prozess: Stimmt das Ladeverhalten, kommt die Energie am Fahrzeug an. Und wie verhält sich die Batterie? Die Produkte von comemso können verschiedene Fahrzeuge und Batteriezustände simulieren. Heute jedoch ist ein echtes Fahrzeug angeschlossen: EVA – ein E-Motorrad aus Italien. Es beschleunigt von 0 auf 100 km/h in drei Sekunden. Ein richtiges Geschoss. Eines, das bei comemso in den Aufzug passt und deshalb als Testfahrzeug im zweiten Obergeschoss genutzt werden kann. Bis zur Fertigstellung des neuen Firmensitzes stehen auch einige Elektroautos für Messungen in der Tiefgarage parat. In den neuen Räumlichkeiten können später bis zu 15 Elektrofahrzeuge direkt an den Schreibtischen der Entwickler geparkt werden.

Das Ehepaar Athanasas ist stolz auf seine Produkte, auf das Erreichte. Aber man spürt, die beiden sind noch nicht am Ende. Es geht weiter, es geht besser, es geht mehr. Der Forscherdrang der Ingenieure ist unstillbar. Auch wenn das zur Folge hat, dass der Urlaub schon seit Jahren ausfällt. „Urlaub ist für mich hier“, sagt Kiriakos Athanasas.

Was bleibt von diesem Tag? Es tut sich viel in der Region. Nicht sichtbar für alle, aber bald spürbar für jeden. Leider muss auch der BMW i3 wieder zurück. Hier ist er der kurze Moment der Versuchung einfach weiter zu fahren. Die Stille zu genießen. Nach Hause zu kommen und an der eigenen Ladestation zu tanken. Ja es stimmt, die Region steht unter Strom.

 

Text: Karen Frohnwieser | Fotos: Saja Seus